Anno MMXXVI · Glück auf!Über die GildeWörterbuchEnglishDeutsch

Eine Chronik der Holzkunst aus dem Erzgebirge

KapitelIV

Die Werkstätten

Wer die Stücke macht
Ein schindelverkleidetes Haus im tiefen Schnee in der Dämmerung, die Werkstattfenster leuchten, drinnen Regale mit Holzfiguren und eine Drehbank.
Ein verschneites Haus in der Dämmerung, das Werkstattfenster erleuchtet.

Die meisten Stücke aus dem Erzgebirge entstehen in kleinen Werkstätten, oft im eigenen Haus einer Familie, mit der Drehbank in der einen Stube und dem Maltisch am Fenster. Das Können geht von einer Generation auf die nächste über, und das Jahr läuft auf Weihnachten zu.

Die Werkstatt im Haus

Die Arbeit begann zu Hause. Im 19. Jahrhundert beschnitzten und bemalten um Seiffen ganze Familien die Rohlinge, die ein Reifendreher geliefert hatte, in der einzigen geheizten Stube, die Wohnraum und Werkstatt zugleich war. Kleinbauern fertigten im Winter einfaches Spielzeug, um über die Runden zu kommen.

Vieles davon hat sich erhalten. Der Freistaat Sachsen beschreibt die Hersteller als Spektrum vom kleinen Familienbetrieb bis zum mittelständischen Unternehmen; viele Stücke entstehen in Familienbetrieben, in denen das Können von Generation zu Generation weitergegeben wird. 2022 zählte der Freistaat 424 Betriebe der Holzkunst in der Handwerksrolle, 244 davon im Erzgebirgskreis. Die größten beschäftigen um die hundert Menschen. Viele sind viel kleiner: ein Drechsler, eine Malerin, eine Familie.

Die Werkbank eines Drechslers: Eisen geordnet an der Wand, eine Arbeitslampe, eine halbfertige Figur im Schraubstock, ein Becher, Späne.
Tafel 1. Die Werkbank, das Werkzeug geordnet an der Wand, eine halb fertige Figur unter der Lampe.

Die Handwerke

Ein einzelnes Stück geht oft durch mehrere Hände.

  • Der Drechsler an einer alten gusseisernen Drehbank neben einer Kiste frisch gedrechselter Köpfe; überall Späne.
    An der Drehbank

    Der Drechsler

    Formt Körper, Köpfe, Hüte und Sockel auf der Drehbank, wieder und wieder nach demselben Profil. Das Drechseln ist in Deutschland eine eigene dreijährige Ausbildung; die seltenste Fertigkeit, das Reifendrehen, beherrschen heute nur noch eine Handvoll.

  • Ein grob geschnitzter Nussknackerkopf in einem hölzernen Schraubstock; Messer auf einer Lederrolle; eine Hand bei der Arbeit.
    Mit Messer und Eisen

    Der Holzbildhauer

    Arbeitet mit Messer und Eisen, wo die Drehbank nicht hinkommt: Gesichter, Bärte, Falten im Rock, die Tiere aus dem gedrehten Reifen. Auch die Holzbildhauerei ist eine eigene dreijährige Ausbildung.

  • Reihen kleiner gedrechselter Figuren auf Trockenbrettern, Farbtöpfe und ein Glas Pinsel; eine Hand malt einen winzigen roten Rock.
    Mit dem Pinsel

    Die Malerin

    Gibt jeder Figur ihre Farben und ihr Gesicht. Grundierungen werden mitunter getaucht oder gespritzt, die Einzelheiten von Hand gemalt. In den Werkstätten, die das Magazin der Hersteller besucht hat, ist es oft eine Frau, und ein gutes Gesicht, sagen die Hersteller, braucht viele Jahre Übung.

  • Die Teile einer Pyramide auf der Werkbank, Achse, Teller und Flügel, während Hände eine gedrechselte Säule einsetzen.
    Welle und Flügelrad

    Der Pyramidenbauer

    Passt Welle, Etagen, Figuren und Flügelrad so genau ein, dass wenige Kerzen das ganze Karussell auf seinem kleinen Glaslager drehen.

  • Ein Stapel ungestrichener, ausgesägter Schwibbögen neben der Dekupiersäge; Hände schleifen eine Kante.
    Mit der feinen Säge

    Der Bogenbauer

    Sägt den Umriss eines Schwibbogens mit der feinen Säge aus, schleift die schmalen Holzstege, die das Bild zusammenhalten, bemalt ihn und bestückt ihn mit Kerzentüllen oder Lichtern.

Wie man das Handwerk lernt

Der Holzspielzeugmacher ist in Deutschland ein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf, mit drei Jahren Ausbildung nach der Verordnung von 1996: Drechseln, Kerbschnitt und Schnitzen, dekoratives Bemalen, Oberflächenbehandlung und Montage. Nur eine Schule im ganzen Land bildet dafür aus, in Seiffen, zusammen mit den Drechslern. Die Lehrlinge lernen teils in der Schule, teils in ihrem Ausbildungsbetrieb. Sie lernen Lang-, Quer- und Hohldrehen, das Beschnitzen von Reifentieren, das Spanbaumstechen, Tupf- und Pinselmalerei und dazu rechnergestütztes Entwerfen und computergesteuerte Maschinen. Ihr Gesellenstück ist ein eigener Entwurf, von der ersten Skizze bis zum fertigen Modell.

Die Zahlen sind klein: Von der Wiedereröffnung der Schule Ende 1995 bis Anfang 2022 wurden dort 371 Holzspielzeugmacher ausgebildet, und jedes Jahr schließen etwa 15 bis 20 Lehrlinge ab. Ausgebildete Holzspielzeugmacher werden, so der Herstellerverband, „dringend gesucht“. Wer eine eigene Drechsler- oder Holzspielzeugwerkstatt führen will, braucht in Deutschland in der Regel den Meisterbrief, und eine der Arbeiten, die man für die Meisterprüfung wählen kann, ist das Reifendrehen.

Ein Jahr, das auf Weihnachten zuläuft

Das Jahr einer Werkstatt läuft von Weihnachten aus rückwärts. Im Spätwinter zeigen die Hersteller die Stücke der kommenden Saison auf den großen Messen in Frankfurt, Nürnberg und Leipzig, manche auch im Ausland, in Paris, New York, Chicago, Atlanta und Tokio. Dann kommen die Aufträge. Im Hochsommer, so stellte das sächsische Wirtschaftsministerium bei einem Besuch im August fest, läuft die Produktion für das kommende Weihnachtsgeschäft bereits auf vollen Touren.

An den Tagen des traditionellen Handwerks im Oktober öffnen mehr als 130 Manufakturen, Museen und Vereine im Erzgebirge ihre Türen; man kann beim Drechseln und Schnitzen zusehen und es manchmal selbst versuchen. Dann gehen die Kartons an die Geschäfte, der Advent bringt die Märkte, und Weihnachten entscheidet über das Jahr: Der Herstellerverband führte ein Umsatzplus seiner Mitglieder einmal schlicht auf ein besseres Weihnachtsgeschäft zurück.

Die Werkstätten hinter der Gilde

Die Erzgebirge Guild stellt die Arbeit kleiner, unabhängiger Werkstätten wie dieser vor. Auf dieser Website werden sie nicht genannt; das tut der Werkstattaufkleber an jedem Stück. Was „Gilde“ hier bedeutet und was der Aufkleber an Ihrem Stück verrät.

Quellen

  1. Verordnung über die Berufsausbildung zum Holzspielzeugmacher (1996)
  2. Verordnung über die Berufsausbildung zum Drechsler (Elfenbeinschnitzer) (1987)
  3. Verordnung über die Berufsausbildung zum Holzbildhauer (1997)
  4. Meisterprüfungsverordnung Drechsler und Holzspielzeugmacher (2001)
  5. Herstellerverband (erzgebirge.org), Ausbildung
  6. Sächsisches Staatsministerium für Wirtschaft, Pressemitteilung (17. August 2022)
  7. Herstellerverband, „Zahlen und Fakten 2022“
  8. Die Kunst zum Leben (Magazin des Herstellerverbands), zur Bemalung (2021)
  9. Tourismusverband Erzgebirge, Tage des traditionellen Handwerks
  10. Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Seiffen, Pressemappe Freilichtmuseum