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Eine Chronik der Holzkunst aus dem Erzgebirge

KapitelII

Vom Erz zum Holz

Die Geschichte des Handwerks
Kupferstich eines Wasserkraftdrehwerks im bewaldeten Tal: Fachwerkhaus, ein hölzernes Gerinne speist das Rad, am Bach gestapeltes Holz.
Ein Wasserkraftdrehwerk an einem Gebirgsbach.

Lange bevor die letzte Grube schloss, hatten die Bergdörfer einen anderen Broterwerb gefunden. Als Zinn und Silber versiegten, griffen Familien, die den Fels bearbeitet hatten, zur Drehbank, und die Wälder ringsum wurden zum neuen Erz des Gebirges.

Dieses Kapitel folgt dem Wandel, von den ersten Drechslern, die 1650 in Seiffen verzeichnet sind, bis zu den kleinen Werkstätten von heute, und erzählt, wie die Weihnachtsstücke eines nach dem anderen entstanden.

Aus der Not geboren

Seiffen war ein Zinndorf. Sein Name kommt von den Seifen, den Bachschottern, aus denen man Zinn wusch. 1650 tauchen die ersten Drechsler in den Akten auf. Sie fertigten Spindeln, Teller und Schüsseln, Knöpfe und kleine gedrechselte Büchsen für Nadeln und Federn; Spielzeug, so scheint es, zunächst nur für die eigenen Kinder.

Der Zinnbergbau blühte auf und brach ein und blühte wieder auf, und „Bergmann oder Drechsler“ wurde in Seiffen zur Überlebensfrage. Das Drechseln begann als Nebenerwerb. Im 18. Jahrhundert wurde es zum wichtigsten Gewerbe des Dorfes, offenbar weil es bald besser einbrachte als die Grube, und viele, die den Bergbau verließen, kehrten nie zurück. Das Seiffener Spielzeugmuseum benennt das Motiv nüchtern: Das Bild vom Bergmann, der in schöpferischer Muße schnitzt, passt zu den Silberstädten des westlichen Erzgebirges; der Seiffener Zinnbergmann aber sei aus wirtschaftlicher Not gezwungen gewesen, aus dem Werkstoff, der vor seiner Tür wuchs, dem Holz, ein Gewerbe zu machen.

Es war Arbeit für die ganze Familie. Die Frauen der Bergleute spannen Flachs dazu; die Kinder halfen, wenn Aufträge drängten; eine Ziege, die „Bergmannskuh“, und ein kleines Feld sicherten das Auskommen. Abends war das Licht dürftig: ein brennender Kienspan oder eine Rüböllampe, so schwach, dass selbst das Spinnen nur bei Tageslicht ging.

Kupferstich einer Drechslerwerkstatt im 19. Jahrhundert: Drehbänke mit Riemen von der Deckenwelle, ein Drechsler bei der Arbeit, ein Junge fegt Späne, Spielzeug in den Regalen.
Tafel 1. Eine Drechslerwerkstatt des 19. Jahrhunderts, alle Drehbänke an einer einzigen Transmission.

Wasser und Drehbank

Die Gebirgsbäche leisteten die schwere Arbeit. Wasserräder trieben die Drehbänke an, oft in ehemaligen Pochwerken, und um die Mitte des 19. Jahrhunderts standen im Seiffener Tal mehr als zwanzig Wasserkraftdrehwerke. 1869 zählte das Erzgebirge 34 Drehwerke mit 410 Drehstellen und 624 Drechslern.

Eines ist erhalten. Das Seiffener Drehwerk, erbaut 1758–1760, trieb von einem hölzernen Wasserrad mit 5,20 Metern Durchmesser drei Reifendrehbänke und vier gewöhnliche Drehbänke an. Die Drechsler mieteten sich eine Drehstelle und mussten Holz, Werkzeug und Lampenöl selbst mitbringen. Bei strengem Frost fror das Rad ein, und alle Arbeit stand still.

Um 1800 kamen die Seiffener Drechsler auf ein Verfahren, das es nirgends sonst gibt: das Reifendrehen, bei dem aus einem einzigen gedrehten Fichtenreifen Dutzende gleicher Tiere entstehen. Es machte billige Spielzeugtiere möglich und trug, so das Spielzeugmuseum, entscheidend dazu bei, dass das Holzspielzeug des Erzgebirges weltweit bestehen konnte.

Kolorierter Holzschnitt: ein Hausierer steigt eine Bergstraße hinauf, auf dem Rücken ein hohes Traggestell voller Holzpferde, Häuschen und Schachteln.
Tafel 2. Ein Wanderhändler auf dem Gebirgsweg, die Kiepe voller Holzspielzeug.

Händler, Verleger und die weite Welt

Zuerst verließ das Spielzeug das Gebirge auf dem Rücken von Wanderhändlern, in Tragkörben, Säcken und Bauchläden oder auf Handwagen. Der Überlieferung nach schob der Leinwandhändler Johann Friedrich Hiemann 1699 einen Schiebbock voll Seiffener Drechselware zur Leipziger Messe und kam mit Aufträgen zurück.

Dann übernahmen die Verleger. Sie reisten den Aufträgen nach, brachten den Drechslern Muster, Holz und Farbe und zahlten wöchentlich bei Ablieferung, mitunter in Waren aus dem eigenen Laden statt in Geld. 1804 soll das führende Seiffener Verlagshaus wöchentlich rund 1000 Taler ausgezahlt haben. Vieles ging namenlos als „Nürnberger Tand“ hinaus, nach Nürnberger Mustern auf Bestellung gefertigt. Der Überseehandel begann 1784; ein Bericht von 1804 nennt schon „Amerika“ unter den Hauptabsatzgebieten, und die Arche Noah in der Spanschachtel wurde ein Exportschlager.

Ein leichtes Brot war es nicht. 1843 klagten 158 Drechsler und Spielzeugmacher ihrer Grundherrschaft ihr Elend: Wer mit der Schleuderware von Pfuschern mithalten müsse, werde samt seiner Familie verhungern. 1852 eröffnete der sächsische Staat in Seiffen eine Spielwarenschule. Als ausländische Zölle gegen Ende des Jahrhunderts schwere Waren trafen, verlegte sich Seiffen aufs Winzige: ganze Spielzeugdörfer in einer Zündholzschachtel. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs stellten im Erzgebirge rund 50 Städte und Dörfer in mehr als 1100 Betrieben Spielzeug her.

Alte Holzspielwaren aus einer ovalen Spanschachtel: winzige bemalte Häuser, Bäume, eine Kirche und gedrechselte Figürchen.
Tafel 3. Ein Miniaturdorf und kleine gedrechselte Figuren in einer alten Spanschachtel.

Weihnachten trägt das Dorf

Im 20. Jahrhundert hielt Weihnachten die Drechslerdörfer am Leben. Zu Weihnachten 1914 sah der Direktor der Seiffener Spielwarenschule nur wenige Laternen auf dem Weg zur Christmette und ließ seine Schüler bunte Muster dafür entwerfen; im folgenden Jahr zogen mehr als hundert zur Kirche. 1915 baute seine Schule zudem eine kleine Szene, in der Kinder mit Laternen aus der erleuchteten Dorfkirche strömen, nach der Christmette am Heiligen Abend. Sie steht bis heute im Spielzeugmuseum.

Eine hölzerne Miniatur der Seiffener Kirche mit Kurrendesängern in schwarzen Umhängen, zwei roten Kerzen und kleinen Spanbäumen.
Tafel 4. Die Seiffener Kirche im Kleinen, mit Kurrendesängern in schwarzen Umhängen, roten Kerzen und kleinen Spanbäumen.Photo: Brücke-Osteuropa (2010), public domain, via Wikimedia Commons

Krisenjahre

Die 1920er- und 1930er-Jahre brachten die Krise. In der Weltwirtschaftskrise nach 1929 stieg die Arbeitslosigkeit im Spielwarengebiet auf bis zu 60 Prozent. Seiffen, schrieb sein Schuldirektor 1935, sei besser durch die Krisen gekommen als andere Spielzeuggebiete, weil es künstlerische Weihnachts- und Geschenkartikel aufgenommen habe. Die erste Serie gewerblich gefertigter Pyramiden in Seiffen stammt von 1923; die ersten großen Ortspyramiden unter freiem Himmel entstanden 1933/34; und 1937 entwarf die Leipziger Künstlerin Paula Jordan für eine Weihnachtsschau in Schwarzenberg den Schwibbogen, der bekannter wurde als alle anderen: zwei Bergleute zwischen einem Holzschnitzer und einer Klöpplerin.

Es waren auch die Jahre des NS-Regimes, das das Erzgebirge als sächsisches Muster-„Weihnachtsland“ herausstellte. Mehrere der bekanntesten Formen erhielten damals ihre klassische Gestalt – eine Erinnerung daran, dass diese Traditionen nie feststanden, sondern sich immer gewandelt haben.

Die achteckige Barockkirche von Seiffen mit gestuftem Turm und dunklem Schieferdach zwischen Fichten.
Tafel 5. Die Seiffener Bergkirche, vollendet 1779, ein Lieblingsmotiv der Holzkunst aus dem Erzgebirge.Photo: Brücke-Osteuropa (2010), public domain, via Wikimedia Commons

In der DDR

Nach 1945 wurde das Gewerbe in der späteren DDR Schritt für Schritt umgebaut. 1946 wurden erste Betriebe enteignet; in den 1950er-Jahren schlossen sich selbständige Handwerker zu Produktionsgenossenschaften zusammen; 1972 wurden die letzten privaten und halbstaatlichen Betriebe in „Volkseigentum“ überführt. Ein staatliches Spielwarenkombinat mit Sitz in Olbernhau nahm viele kleine Werkstätten auf; 1981 beschäftigte es rund 3600 Menschen an 96 Standorten. Maschinen übernahmen mehr von der Arbeit, und doch brauchte ein Nussknacker noch über hundert Arbeitsschritte.

Vieles, was die Werkstätten herstellten, ging ins Ausland. Räuchermänner waren in der Bundesrepublik, in Italien und Österreich so gefragt, dass viele exportiert wurden, und daheim war ein Schwibbogen, wie so vieles, schwer zu bekommen. Viele Familien sägten sich ihren eigenen mit der Laubsäge.

Hände bemalen Reihen gedrechselter Figuren an einem langen, farbbespritzten Werktisch, in verblichenen Farben wie aus den 1950er-Jahren.
Tafel 6. Reihen halb bemalter Figuren auf einem langen Werkstatttisch.

Die Werkstätten heute

Nach 1990 brachen die staatlichen Strukturen zusammen; Betriebe kamen in private Hand zurück, neue Werkstätten wurden gegründet. Der Branchenverband zählt heute rund 30 000 verschiedene Erzeugnisse, mehr als zwei Drittel davon nach 1990 entworfen.

2022 waren in Sachsen 424 Betriebe der Holzkunst in die Handwerksrolle eingetragen, 244 davon im Erzgebirgskreis; zusammen setzen sie mehr als 50 Millionen Euro im Jahr um. Etwa ein Fünftel geht in den Export, und der wichtigste Markt im Ausland sind die USA und Kanada. Die meisten Hersteller sind kleine Familienbetriebe; die größten beschäftigen um die hundert Menschen, die kleinsten nur einen.

Das Handwerk wird weiter gelehrt. Eine 1995 wiedereröffnete Berufsschule in Seiffen ist die einzige Schule in Deutschland, die Holzspielzeugmacher ausbildet; jedes Jahr schließen 15 bis 20 Lehrlinge ihre dreijährige Ausbildung ab. 2025 wurde das Kunsthandwerk des Erzgebirges in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Eine kleine Werkstatt heute: Drehbank und Drechseleisen an der Hobelbank am Fenster, bemalte Figuren beim Trocknen, draußen Schnee.
Tafel 7. Eine Werkstatt heute: die Werkbank am Fenster, Figuren auf dem Trockengestell.

Die Holzzeit im Überblick

  1. 1650

    Die ersten Drechsler sind in Seiffen verzeichnet.

  2. 1699

    Der Überlieferung nach gelangt Seiffener Drechselware auf einem Schiebbock zur Leipziger Messe.

  3. 1740

    In Johanngeorgenstadt wird der älteste bekannte Schwibbogen geschmiedet.

  4. 1758–1760

    Das Wasserkraftdrehwerk in Seiffen wird erbaut.

  5. 1784

    Der Überseehandel mit Seiffener Spielzeug beginnt.

  6. um 1800

    Um Seiffen entsteht das Reifendrehen; die sich drehende Weihnachtspyramide taucht auf.

  7. um 1830

    Lichterengel und Lichterbergmann erscheinen als Paar für die Stube.

  8. 1849

    Das Seiffener Bergamt wird geschlossen.

  9. um 1850

    Die ersten hölzernen Räuchermänner, in Heidelberg bei Seiffen.

  10. 1852

    Die staatliche Spielwarenschule in Seiffen wird eröffnet.

  11. um 1870

    Wilhelm Friedrich Füchtner dreht die ersten Seiffener Nussknacker.

  12. 1912

    Seiffen erhält Strom; Motoren lösen die Wasserräder ab.

  13. 1933

    In Frohnau dreht sich die erste große Ortspyramide.

  14. 1937

    Paula Jordan entwirft den bekanntesten Schwibbogen.

  15. 1972

    In der DDR werden die letzten privaten Betriebe verstaatlicht.

  16. 1990

    Nach der Wiedervereinigung kehren private Werkstätten zurück.

  17. 2025

    Das Kunsthandwerk wird ins Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Quellen

  1. Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Seiffen, „Entstehung der erzgebirgischen Spielzeugherstellung“ (2018)
  2. Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Seiffen, Chronik
  3. Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Seiffen, Entwicklung der Spielwarenschule Seiffen
  4. Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Seiffen, „Weihnacht im Museum“
  5. Kurort Seiffen, „Seiffener Verleger“
  6. Helmut Schwarz, „Spielzeug aus dem sächsischen Erzgebirge“, Spirit of Play (2017)
  7. Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde, Fundstück Dezember 2020
  8. Karl Ewald Fritzsch, „Bergmann und Engel als weihnachtliche Lichterträger“, Der Anschnitt (1959)
  9. DDR Museum Berlin, „10 objects for a Christmas in the GDR“ (2022)
  10. Sächsisches Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, Pressemitteilung (17. August 2022)
  11. Deutsche UNESCO-Kommission, „Vernetzung und Weiterentwicklung des Kunsthandwerks im Erzgebirge“