Weihnachten im Erzgebirge

Das Erzgebirge nennt sich selbst das Weihnachtsland, und das spätestens seit den 1950er-Jahren. Die Weihnachtszeit beginnt hier traditionell, wenn am Vorabend des ersten Advents die großen Pyramiden angeschoben werden, und dauert bis Mariä Lichtmess am 2. Februar.
Viele dieser Bräuche haben Bergleute geprägt, wie Volkskundler schon lange festgehalten haben, und manche sind viel jünger, als sie wirken: Die großen Ortspyramiden stammen aus den 1930er-Jahren, der Schwibbogen in jedem Fenster aus dem 20. Jahrhundert. Dieser Kalender folgt ihnen durch die Weihnachtszeit, in der Reihenfolge, in der sie kommen.
Die Bräuche des Advents, der Reihe nach
Ende NovemberDie Märkte öffnen
In den Tagen vor dem ersten Advent öffnen die Weihnachtsmärkte. Der Freiberger Christmarkt, dessen mehr als neunzig Hütten seit 2012 ganz im bergmännischen Stil geschmückt sind, beginnt am Dienstag, der Annaberger am Freitag, und er dauert bis zum 23. Dezember. Unten in Dresden, schon außerhalb des Gebirges, verkauft der Striezelmarkt, 1434 erstmals erwähnt und einer der ältesten Weihnachtsmärkte Deutschlands, seit etwa 1700 Spielzeug aus dem Erzgebirge.
Vorabend des ersten AdventsPyramidenanschieben
Am Freitagabend oder Samstag vor dem ersten Adventssonntag kommen Städte und Dörfer zusammen, um ihre großen Pyramiden unter freiem Himmel in Gang zu setzen, oft zu den Klängen einer Bergmannskapelle. Die erste dieser Ortspyramiden drehte sich im Dezember 1933 in Frohnau, heute ein Teil von Annaberg-Buchholz; 2014 zählte der Erzgebirgskreis rund 150. In Schwarzenberg dreht sich die Pyramide bis Hochneujahr.
Ab dem ersten AdventLichter im Fenster
Schwibbögen, Engel und Bergleute ziehen in die Fenster, bis es, wie Sachsens eigene Kampagne sagt, kaum ein Fenster ohne Schwibbogen gibt. Der Brauch hat alte Wurzeln in den Gruben: Auf der Himmelsfürst Fundgrube bei Freiberg standen am frühen Morgen des 24. Dezember in jedem Fenster der Grubengebäude zwölf Kerzen, von den Bergleuten selbst bezahlt. Der Schwibbogen in jedem Wohnstubenfenster verbreitete sich im 20. Jahrhundert. Dass die Lichter den Bergleuten den Heimweg wiesen, ist Überlieferung, und eine schöne.
WinterabendeHutzenabend
Von hutzen gehen, den Nachbarn einen Besuch machen. An Winterabenden kamen die Familien in einem Haus zusammen, um Brennholz zu sparen – „Hutzen statt heizen“: die Frauen am Klöppelsack, die Männer nach der Schicht dazu, mit Erzählen, Geschichten und Liedern. Zentralheizung und Fernsehen hätten ihm fast ein Ende gemacht; heute laden Orte und Gasthöfe wieder zu Hutzenabenden ein.
An den AdventswochenendenBergparaden
In jedem Advent ziehen in Sachsen fünfzehn bis zwanzig Bergparaden durch die Städte, im schwarzen Habit, mit Grubenlampen und Bergmusikkorps. Freibergs Bergparade im Fackelschein fällt auf den Samstag vor dem zweiten Advent, Schneebergs Lichtelfest auf das zweite Adventswochenende, und 2025 kehrte die große Parade nach vierzehn Jahren am Samstag vor dem vierten Advent nach Dresden zurück. Den Abschluss bildet am vierten Adventssonntag Annaberg-Buchholz: Mehr als tausend Bergleute füllen die Stadt, und die Bergmusikkorps spielen gemeinsam vor St. Annen. Seit 2016 stehen die Bergparaden im Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes.
- Den ganzen Advent
Weihnachtsberg
Eine Krippe als Landschaft in der Stubenecke, aus Moos und Wurzelwerk mit Kristallen eingefasst, Bethlehem neben einem Bergwerk, das sich bewegt, die Figuren oft vom Uhrwerk getrieben. Bergleute bauten sie; invalide Bergleute trugen einst mechanische Bergwerke in Kästen auf dem Rücken von Ort zu Ort und zeigten sie gegen ein paar Münzen. Ihre Blüte erlebten die Weihnachtsberge im 19. Jahrhundert; die schönsten stehen heute in Museen.
Vor WeihnachtenMettenschicht
Die letzte Schicht der Bergleute vor dem Fest. Auf der Himmelsfürst Fundgrube begann sie am 24. Dezember um vier Uhr früh: Der Steiger las die Weihnachtsandacht, im Huthaus spielte eine Orgel, und unter Tage stellten die Männer auf jeden Felsvorsprung Kerzen. Gearbeitet wurde nur bis zur Hauptpause; dann saßen sie beisammen, aßen, erzählten, sangen Weihnachtslieder und fuhren früher aus. Bergbauvereine halten noch heute im Advent Mettenschichten in alten Gruben.
24. DezemberNeunerlei
Am Heiligen Abend kommt das Neunerlei auf den Tisch, im Gebirge Neinerlaa: ein Mahl aus neun Gerichten, schon 1799 in einem Lied besungen. Jede Familie hat ihre eigenen neun, doch die Wünsche dahinter sind dieselben: Linsen oder Hirse für das Kleingeld – so viele Körner, so viele Taler –, Klöße für das große Geld, Sauerkraut, damit das Jahr nicht sauer wird, Wurst oder Braten für die Kraft. Brot und Salz stehen auf dem Tisch, und in manchen Dörfern darf niemand aufstehen, bevor das Mahl zu Ende ist.
- 24. Dezember, 31. Dezember, 5. Januar
Drei Heilige Abende
Das Erzgebirge kennt drei Heilige Abende: den Christabend, Silvester und den Vorabend von Hochneujahr. 1665 wandten sich die Schneeberger Bergleute an den Rat, damit auswärtige Bäcker ihnen an allen drei Abenden weiter billigen Butterstollen verkaufen durften.
- Weihnachtsmorgen
Christmette
Die Christmette wurde früh am Weihnachtsmorgen gehalten, oft um fünf Uhr, und mancherorts ist es bis heute so. 1880 erstritten sich die Schneeberger Bergleute wieder das Recht, mit brennenden Grubenlampen zur Kirche zu ziehen und sie in die Leuchtersteine der Emporenbrüstung zu stellen. Noch immer beginnt in Schneeberg der Weihnachtsmorgen um vier Uhr mit dem Turmsingen.
- 2. Februar
Mariä Lichtmess
Mariä Lichtmess beschließt die Weihnachtszeit. In vielen Häusern steht dann die Pyramide still, die Schwibbögen kommen aus den Fenstern, und die Stücke wandern zurück in ihre Kartons bis zum nächsten Advent.
Weihnachten zu Hause
Für diese Bräuche braucht es keine Bergstadt. Schieben Sie Ihre Pyramide am Vorabend des ersten Advents an und lassen Sie sie bis Hochneujahr laufen. Stellen Sie einen Schwibbogen oder Engel und Bergmann für den Advent ins Fenster und lassen Sie sie bis Lichtmess stehen.
Laden Sie an einem dunklen Abend die Nachbarn zum Hutzenabend ein: eine warme Stube, etwas für die Hände, Geschichten und Stollen. Versuchen Sie am Heiligen Abend ein kleines Neunerlei: Linsen, Klöße, Sauerkraut, Wurst, Kompott, dazu Brot und Salz auf dem Tisch. Zünden Sie an einem kalten Abend einen Räuchermann an, und bauen Sie in einer Zimmerecke aus Moos, Wurzeln und Steinen einen kleinen Weihnachtsberg um die Krippe.
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Quellen
- Siegfried Sieber, „Bergmännische Weihnachtsbräuche im Erzgebirge“, Der Anschnitt 11 (1959)
- Siegfried Sieber, „Weihnachtsberge und mechanische Bergwerke“, Der Anschnitt (1952)
- Tourismusverband Erzgebirge, „Weihnachtsland Erzgebirge feiert Welterbe“ (2019)
- Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen, Hintergrundtext Sachsens Weihnachtstraditionen (2025)
- Freistaat Sachsen, „So geht sächsisch“: Hutzenabend
- Deutsche UNESCO-Kommission, Bergparaden und Bergaufzüge in Sachsen
- Stadt Freiberg, Freiberger Christmarkt
- Landeshauptstadt Dresden, Geschichte des Striezelmarkts
- evangelisch.de, Berichte zur Abschlussbergparade (2022, 2024)
- Duden, Hutzenabend