Wörterbuch
Das Erzgebirge hat eigene Wörter für seine Arbeit und seine Feste, und manche davon sind selbst im übrigen Deutschland kaum bekannt. Hier stehen sie beisammen, vom Arschleder bis zur Weihnachtspyramide, mit Herkunft, Mundartform und Bedeutung.
- Arschleder das
Der halbrunde Lederschurz, den die Bergleute hinten trugen, um unter Tage darauf zu sitzen und zu rutschen. Bis heute gehört er zum Habit.
- Bergfreiheit die
Das Recht jedes Neusiedlers, nach Erz zu schürfen, verbunden mit der Befreiung von manchen Abgaben. Sie zog Siedler in die Bergstädte und gab Freiberg seinen Namen.
- Berggeschrei das; älter Berggeschrey
Die rasch umlaufende Kunde von reichen Erzfunden, die Bergleute und Händler in Scharen herbeiführte. Das erste folgte dem Silberfund bei Freiberg um 1168, das große den Funden am Schneeberg (1470) und in Annaberg (1491).
- Bergparade die
Ein Aufzug der Bergleute im Habit, mit Bergmusikkorps. Die meisten finden im Advent statt und enden mit der großen Parade am vierten Advent in Annaberg-Buchholz. Siehe die Bergparade.
- Christmette die; im Erzgebirge auch Uchte
Der Weihnachtsgottesdienst, im Erzgebirge traditionell sehr früh am Weihnachtsmorgen, oft um fünf Uhr. Die Bergleute zogen einst mit brennenden Grubenlampen dorthin.
- Drechsler der
Der Handwerker, der Holz auf der Drehbank formt. Räuchermänner, Nussknacker, Engel und Pyramiden sind zum großen Teil Drechselarbeit.
- Erzgebirge das; tschechisch Krušné hory
Das Gebirge an der Grenze zwischen Sachsen und Tschechien, benannt nach dem Erz in seinem Inneren. Siehe Kapitel I.
- Feierabendschnitzer der
Ein Laienschnitzer, der nach der Schicht am Abend arbeitet. So schnitzten die Bergleute Lichterfiguren, Krippen und Weihnachtsberge.
- Feierohmd der; mundartlich für Feierabend
Der Feierabend in erzgebirgischer Mundart. Auch der Name der Weihnachtsschau 1937/38 in Schwarzenberg, deren Wahrzeichen der bekannteste Schwibbogen wurde.
- Froschlampe die
Die kleine offene Öl- oder Talglampe, die der Bergmann an einem Haken mit unter Tage nahm; in Gebrauch bis etwa 1890. Woher der Name stammt, weiß niemand sicher.
- Glück auf! auch Glückauf
Der Gruß der Bergleute, im Erzgebirge seit dem späten 17. Jahrhundert belegt und bis heute zum Gruß und Abschied zu hören. Zuerst der Wunsch, der Berg möge sich auf reiche Gänge öffnen, später auch: gesund wieder ausfahren.
- Habit der
Die Paradetracht der Bergleute: schwarzer Kittel, Arschleder, hoher Schachthut, Abzeichen. Besatz und Farben zeigen Rang und Revier. Erstmals für ein fürstliches Fest im Jahr 1719 festgelegt.
- Huthaus das
Das Gebäude einer Grube über dem Schacht, wo sich die Bergleute versammelten und in vielen Gruben vor der Schicht beteten. Hier wurde die letzte Schicht vor Weihnachten gefeiert.
- Hutzenabend der; mundartlich Hutznohmd
Ein geselliger Winterabend, an dem sich Nachbarn in einem Haus trafen, um Brennholz zu sparen, zu klöppeln, zu singen und zu erzählen. Von hutzen gehen, die Nachbarn besuchen.
- Klöppeln das
Das Herstellen von Spitze, indem man Fäden auf hölzernen Klöppeln über einem Kissen kreuzt und dreht. Lange eine Heimarbeit der Frauen im Erzgebirge, oft gemeinsam am Hutzenabend.
- Knappschaft die
Die Gemeinschaft der Bergleute eines Reviers (ein Knappe ist ein ausgelernter Bergmann) und ihre Kasse für Kranke, Verletzte und Witwen, gespeist aus dem „Büchsenpfennig“ jedes Lohns. Die Vereine, die heute in den Paraden marschieren, tragen den Namen weiter.
- Lichterbergmann der
Eine Bergmannsfigur im Habit, die Kerzen trägt, das Gegenstück zum Lichterengel. Bergleute hielten seit den 1670er-Jahren die Altarkerzen; die Figur für die Stube erscheint in den 1830er-Jahren. Siehe Engel und Bergmann.
- Lichterengel der
Ein gedrechselter Engel mit Kerzen im langen weißen Kleid, eine Schöpfung der 1830er-Jahre. Meist zusammen mit dem Lichterbergmann aufgestellt.
- Mettenschicht die
Die letzte Schicht der Bergleute vor Weihnachten, früher beendet, mit Andacht, Liedern und gemeinsamem Essen. Benannt nach der Mette, dem frühen Weihnachtsgottesdienst.
- Neunerlei das; mundartlich Neinerlaa
Das Mahl aus neun Gerichten am Heiligen Abend, jedes ein Wunsch für das neue Jahr: Linsen für das Kleingeld, Klöße für das große Geld, Sauerkraut, damit das Jahr nicht sauer wird. Jede Familie hat ihre eigenen neun.
- Nussknacker der
Eine bemalte Holzfigur, die mit einem Hebel im Rücken Nüsse im Mund knackt. Der Seiffener Nussknacker entstand um 1870. Siehe Nussknacker.
- Pyramidenanschieben das
Das feierliche Ingangsetzen einer großen Ortspyramide für die Weihnachtszeit, am Freitag oder Samstag vor dem ersten Adventssonntag.
- Räucherkerze die
Der kleine Kegel, der im Räuchermann glimmt, aus Holzkohle, Holzmehl, Harzen und Duftstoffen. In Crottendorf werden sie der Überlieferung nach seit etwa 1750 hergestellt.
- Räuchermann der; mundartlich Raachermannel
Eine kleine gedrechselte Figur, oft ein Handwerker, in der eine Räucherkerze glimmt, sodass der Rauch aus dem Mund quillt. Die ersten werden einem Drechsler bei Seiffen um 1850 zugeschrieben. Siehe Räuchermänner.
- Reifendrehen das
Ein Verfahren, das es seit etwa 1800 nur um Seiffen gibt: Ein Reifen aus nasser Fichte wird so gedreht, dass sein Querschnitt das Profil eines Tieres verbirgt, und dann in 40 bis 60 gleiche Rohlinge gespalten, die Reifentiere. Siehe Reifentiere.
- Schlägel und Eisen
Die beiden wichtigsten Handwerkzeuge des Bergmanns, ein Fäustel und ein spitzes Eisen am Stiel. Gekreuzt sind sie das Zeichen des Bergbaus, auf Wappen, Karten und dem Habit.
- Schwibbogen der; auch Lichterbogen
Der Lichterbogen aus Metall oder Holz, der zur Weihnachtszeit im Fenster steht. Der Name kommt aus der Baukunst, wo er einen zwischen zwei Mauern gespannten Bogen bezeichnet. Der älteste bekannte stammt von 1740. Siehe Schwibbögen.
- Spanbaum der
Ein Bäumchen, bei dem rings um einen gedrechselten Lindenkegel dünne, gelockte Späne aufgestochen werden. Siehe Spanbäume.
- Spinne die; auch Leuchterspinne, Bergspinne
Ein Hängeleuchter mit Armen für Kerzen, manchmal drehbar und mit Bergmannsfiguren behängt. Zur letzten Schicht vor Weihnachten hing eine unter Tage.
- Steiger der
Der Aufseher, der die Arbeit unter Tage leitet. Die Hymne der Bergleute, das Steigerlied, beginnt mit „Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt“.
- Stollen der; mundartlich Stolln
Zweierlei: das Weihnachtsgebäck mit Rosinen und Mandeln und der waagerecht in den Berg getriebene Grubenbau. Beide Bedeutungen gehen auf ein altes Wort für „Pfosten“ zurück; das Gebäck ist nicht nach dem Bergwerk benannt.
- Taler der
Die große Silbermünze, ab 1519/20 in Joachimsthal (Jáchymov) geprägt und nach dem Ort benannt. Über den niederländischen daalder wurde sie zum englischen „dollar“.
- Verleger der
Der Händler im alten Hausgewerbe, der den Heimarbeitern Aufträge, Muster und Material brachte und ihre Ware in der Ferne verkaufte. Heute bedeutet das Wort etwas anderes: den Herausgeber von Büchern.
- Weihnachtsberg der; örtlich auch Paradiesgarten oder Winkel
Eine Krippe als kleine Berglandschaft in der Stubenecke, oft neben einem Modellbergwerk, die Figuren vom Uhrwerk bewegt. Seine Blüte erlebte er im 19. Jahrhundert.
- Weihnachtspyramide die; mundartlich Peremett, älter Laaflechter
Ein Gestell mit Figuren auf sich drehenden Tellern, angetrieben von einem Flügelrad, das die Wärme der Kerzen in Bewegung setzt. Vom Tischformat bis zur Höhe eines Hauses. Siehe Pyramiden.
Quellen
- Duden online
- DWDS, Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache: Stollen
- Karl Ewald Fritzsch, „Bergmann und Engel als weihnachtliche Lichterträger“, Der Anschnitt (1959)
- Siegfried Sieber, „Bergmännische Weihnachtsbräuche im Erzgebirge“, Der Anschnitt (1959)
- Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Seiffen, Pressemappe Freilichtmuseum
- Deutsche UNESCO-Kommission, Bergparaden und Bergaufzüge in Sachsen