Anno MMXXVI · Glück auf!Über die GildeWörterbuchEnglishDeutsch

Eine Chronik der Holzkunst aus dem Erzgebirge

Bräuche · 7 Min. Lesezeit

Die Bergparade: Bergleute im Sonntagsstaat

In jedem Advent ziehen mehr als tausend Männer und Frauen im schwarzen Habit durch Annaberg-Buchholz. Wie eine Fürstenhochzeit von 1719 den sächsischen Bergmann einkleidete und wie die Paraden bis heute überlebten.

Bei der Bergparade in der Dämmerung hochgehaltene Grubenlampen, Federbüsche und schwarze Uniformen von hinten, es schneit.
Grubenlampen hoch erhoben bei einer Parade in der Dämmerung.

Am vierten Advent wird es in Annaberg-Buchholz früh dunkel, und die Stadt füllt sich mit Bergleuten. Mehr als tausend sind es, aus ganz Sachsen und aus anderen Bergbaurevieren Deutschlands, die in schwarzen Kitteln und hohen grünen Hüten, mit Grubenlampen und Barten, hinter ihren Bergmusikkorps durch die alte Silberstadt ziehen. Am Ende versammeln sich die Kapellen vor der großen Kirche St. Annen und spielen gemeinsam. Es ist die größte Bergparade der Region und die letzte der Saison. „Weihnachtszeit ist die Zeit der Bergparaden“, sagte Sachsens Kulturministerin.

Die Tracht, die sie tragen, geht auf eine Hochzeit zurück.

Eine Fürstenhochzeit, 1719

Im September 1719 verheiratete August der Starke, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, seinen Sohn mit einer österreichischen Erzherzogin und feierte einen ganzen Monat lang. Den Höhepunkt bildete am 26. September im Plauenschen Grund vor Dresden das Saturnfest, das letzte von sieben Festen, die nach den Planeten benannt waren. August hatte ein Bauernfest geplant und machte daraus ein Fest des erzgebirgischen Berg- und Hüttenwesens.

Rund fünfzehnhundert Berg- und Hüttenleute zogen mit Fackeln auf; die Quellen nennen zwischen 1400 und 1600. Ein Schmelzofen schmolz unterwegs Silber, und eine Prägepresse schlug Medaillen. Die Bergleute trugen einen neu reglementierten Habit, und ein Maler hielt den ganzen Zug auf einem 38,40 Meter langen Fries mit rund sechshundert Figuren fest, den die Bergakademie Freiberg bis heute bewahrt. An der Spitze reitet ein Beamter in Bergtracht und Perücke; hinter ihm kommen Bergjungen mit Fackeln, Trompeter und Pauker, Häuer mit ihren Lampen, Steiger und ein Bergmeister mit der Knappschaftsfahne.

Kolorierter Trachtenkupferstich: sächsischer Bergmann im Habit mit schwarzem Kittel und Schulterkragen, Schachthut mit Federbusch, weißen Hosen, Barte und Messinglampe.
Ein sächsischer Bergmann im Habit.

Den Habit lesen

1768/69 wurde die Tracht erneut geregelt und zur echten Uniform: Ränge, Revierfarben, Vorschriften bis zum Knopf. Ihr Grundschnitt wurde mit wenigen Änderungen getragen, bis der sächsische Silberbergbau 1913 endete, und die Paraden folgen ihm noch heute.

Man liest ihn von oben nach unten. Der Häuer, der Bergmann, der das Erz losschlug, trägt einen runden grünen Schachthut, etwa sieben sächsische Zoll hoch. Sein schwarzer Kittel schließt mit goldenen Knöpfen. Darunter trägt er weiße Hosen und weiße Strümpfe und drei Standeszeichen: das Arschleder, auf dem er unter Tage saß und rutschte; den Kniebügel; und die Bergbarte, eine Paradeaxt auf der linken Schulter, die es, so die Freiberger Bergleute, nur im Erzgebirge gibt. Er trägt eine brennende Lampe oder eine Fackel, weil die Paraden so oft spät am Abend oder früh am Morgen begannen. Die Kokarde am Hut ist seit 1827 grün-weiß, in den sächsischen Farben.

Ausschnitt aus einem Holzschnitt in Agricolas De re metallica: ein Bergmann fährt auf seinem Arschleder einen tonnlägigen Schacht hinab, die Lampe in der Hand.
Ein Bergmann rutscht auf seinem Arschleder in den Schacht, aus Agricolas De re metallica, 1556.Georgius Agricola, De re metallica (Basel, 1556), public domain; scan: National Library of Poland, via Wikimedia Commons

Die Farben verrieten, woher einer kam. 1831 zählte sie ein Freiberger Verleger auf: Scharlach mit Gold für Freiberg und die Bergbehörden, Weiß mit Gold für Annaberg, Strohgelb mit Gold für Marienberg, Scharlach mit Silber für Schneeberg, Karmesin für Altenberg und Johanngeorgenstadt, Blau mit Silber für die Blaufarbenwerke.

Der Schmelzer trägt Weiß, mit scharlachrotem Kragen und einem Hut in Form eines Schäferhuts; „der sichtbarste Unterschied zu allen anderen Hüttenarbeitern ist der Hut“, sagen die Freiberger. Die Beamten tragen neun Stufen von Stickerei und Sternen, einen Federbusch, unten schwarz und oben gelb, und neun Knöpfe mit Schlägel und Eisen. Die Musiker erkennt man an den „Schwalbennestern“ auf den Schultern.

Wer wo geht

Eine Parade hat ihre Ordnung. In Freiberg eröffnen sie heute vier Häuer als Fackelträger und die Fahnen; dann folgen der Oberberghauptmann, die Ältesten mit Schlägel und Eisen, die Zimmerlinge, das Musikkorps mit Schellenbaum und Pauken, berittene Beamte, acht Älteste mit Erztrögen, die Häuer mit den Barten auf der Schulter, die Bergmaurer und Bergschmiede. Die Hüttenleute folgen in einem eigenen Block, dann die Studenten der Bergakademie, die Blaufarbenwerker und zum Schluss wieder vier Fackelträger. Historische Paraden reichten von hundert bis zu mehr als dreitausend Teilnehmern, meist in Viererreihen.

Weihnachtszeit ist die Zeit der Bergparaden.

Barbara Klepsch, Sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus, 2022

Magere Jahre

Krieg und Nachkriegszeit brachten die alten Traditionen fast zum Erliegen. In der DDR wurden die verbliebenen Bergbrüderschaften in den Kulturbund eingegliedert, und eine Richtlinie für den Bezirk Karl-Marx-Stadt legte fest: „Bergparaden, Bergquartale und andere kulturpolitische Aktivitäten sind nicht mit einem Berggottesdienst oder anderen sakralen Handlungen zu verbinden.“ Manche Bruderschaften, erinnert sich ihre Zeitschrift, umgingen die Regel mit List.

1986, zur 800-Jahr-Feier Freibergs, noch zu DDR-Zeiten, zogen rund 250 Berg- und Hüttenleute und 40 Musiker in historischen Trachten zum Obermarkt, und im Frühjahr wurde die Freiberger Knappschaft gegründet. Im Oktober 1990, wenige Wochen nach der Wiedervereinigung, gründeten dreizehn Vereine in Ehrenfriedersdorf den Sächsischen Landesverband der Bergmanns-, Hütten- und Knappenvereine. Heute zählt er mehr als sechzig Mitgliedsvereine mit rund dreitausend Mitgliedern. Auch Frauen und Kinder ziehen inzwischen mit.

Zurück auf der Straße

2016 wurden die Bergparaden und Bergaufzüge in Sachsen in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen, 2023 folgte das Singen des Steigerlieds. Die meisten Paraden finden im Advent statt, fünfzehn bis zwanzig in jeder Saison, und ziehen Zehntausende Besucher in die Bergstädte.

Am 20. Dezember 2025 kehrte die große Bergparade nach vierzehn Jahren nach Dresden zurück: Mehr als fünfhundert Musiker und Trachtenträger aus neunundzwanzig Vereinen, darunter eine Gruppe aus Měděnec auf der tschechischen Seite des Gebirges, zogen vom Terrassenufer an der Frauenkirche vorbei, in der Stadt, vor deren Toren ihre Vorgänger drei Jahrhunderte zuvor zu einer Fürstenhochzeit aufmarschiert waren.

Quellen

  1. Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Fries des Saturnfest-Aufzugs von 1719 (Objektdatensätze)
  2. G. E. Rost, Trachten der Berg- und Hüttenleute im Königreiche Sachsen (Freiberg 1831), Wikisource
  3. Historische Freiberger Berg- und Hüttenknappschaft, die Bergparade
  4. Bergglöckchen 2/2010, Zeitschrift des Sächsischen Landesverbands der Bergmanns-, Hütten- und Knappenvereine
  5. Deutsche UNESCO-Kommission, Bergparaden und Bergaufzüge in Sachsen
  6. Sächsisches Staatsministerium für Kultur und Tourismus, Pressemitteilung vom 16. Dezember 2022
  7. evangelisch.de, Abschlussbergparade in Annaberg-Buchholz, 22. Dezember 2024
  8. Landeshauptstadt Dresden, Striezelmarkt: die Bergparade