Anno MMXXVI · Glück auf!Über die GildeWörterbuchEnglishDeutsch

Eine Chronik der Holzkunst aus dem Erzgebirge

Bergbau · 8 Min. Lesezeit

Agricolas Buch vom Bergbau

Ein Stadtarzt in einer Silberstadt arbeitete fünfundzwanzig Jahre am großen Buch vom Bergbau. Es erschien erst nach seinem Tod, seine Stadt verweigerte ihm das Grab, und ins Englische übersetzte es ein späterer amerikanischer Präsident.

Das Titelblatt von Agricolas De re metallica, 1556: der lateinische Titel über dem Druckerzeichen, einem Stab mit verschlungenen Schlangen.
Das Titelblatt von De re metallica, Basel 1556.Title page of Georgius Agricola, De re metallica (Basel: Froben, 1556), public domain; scan: Mining Heritage, via Wikimedia Commons

1527 kam ein junger Arzt nach Joachimsthal, in eine Silberstadt auf der böhmischen Seite des Erzgebirges, die elf Jahre zuvor noch nicht existiert hatte. Er war der neue Stadtarzt und Apotheker. Nach eigenem Bericht verbrachte er jede Stunde, die ihm seine Kranken ließen, in den Gruben und Hütten, las alles, was Griechen und Römer über die Metalle geschrieben hatten, und sprach mit den erfahrensten Bergleuten, die er finden konnte. Bald besaß er selbst Kuxe an einer Grube, der „Gottesgab“, deren Ausbeute er, wie er später schrieb, als Anteilseigner von Anfang an genossen habe.

Sein Name war Georg Bauer. Die Welt kennt ihn als Georgius Agricola, und das Buch, das er in jenen Jahren begann, De re metallica, wurde zum großen Bergbaubuch der Renaissance.

Der Bauer, der ein Gelehrter war

Geboren wurde er am 24. März 1494 in Glauchau in Sachsen, als Sohn eines Tuchmachers und Färbers. Agricola ist das lateinische Wort für Bauer: ein Gelehrtenname, wohl von seinen Lehrern gegeben. Er studierte in Leipzig die alten Sprachen und lehrte an der Zwickauer Stadtschule, wo schon seine lateinische Grammatik von 1520 ihre Beispiele aus dem Bergbau nahm. Ein Übungssatz lautet in deutscher Übertragung: „Unter die Erde kriechen die Schächte der Habsucht.“

In Italien studierte er Medizin in Bologna und wohl auch Padua und arbeitete in Venedig für die berühmte Druckerei des Aldus an einer Ausgabe des griechischen Arztes Galen. Dann kehrte er heim, in die Berge und zu den Gruben.

Warum schreibt ein Arzt über den Bergbau? Als Arzt im Bergrevier lernte er die Arbeit aus nächster Nähe kennen, und vieles, was er sah, war Krankheit: das kalte Wasser in den Schächten, die schlechten Wetter, der Staub, der sich in Luftröhre und Lunge setzt. Sein erstes Bergbaubuch, ein Dialog mit dem Titel Bermannus, erschien 1530 in Basel, mit einem lobenden Brief des Erasmus vorweg. Anfang der 1530er-Jahre ging er als Stadtarzt nach Chemnitz, und 1546 folgte ein Band seiner geologischen Schriften, darunter das, was man die erste systematische Mineralogie genannt hat.

Holzschnitt aus Agricolas De re metallica: Erzsucher an einem bewaldeten Hang, einer mit der Wünschelrute, andere graben Schürfe.
Die Suche nach Gängen mit der Wünschelrute, aus De re metallica, Buch II.Georgius Agricola, De re metallica (Basel, 1556), public domain; scan: National Library of Poland, via Wikimedia Commons

Fünfundzwanzig Jahre für ein Buch

An De re metallica arbeitete er ein Vierteljahrhundert. Ein Freund erwähnt das Werk 1529 in einem Brief an Erasmus; 1533 versprach Agricola „die zwölf Bücher“, wenn er am Leben bleibe; die Widmung an die sächsischen Fürsten trägt das Datum des 1. Dezember 1550. Seine zwölf Bücher reichen von der Verteidigung des Bergbaus selbst über das Schürfen, die Gänge, das Markscheiden, Werkzeug und Maschinen bis zum Probieren, Schmelzen und zur Herstellung von Salz und Glas.

Er wollte Bilder. Er habe Zeichner angestellt, erklärte er, damit die Dinge, die man mit Worten beschreibt, von den Zeitgenossen verstanden würden und der Nachwelt keine Mühe machten. Die Zeichner zu finden war schwer. Er suchte vergeblich in Freiberg und Schneeberg, bis ein alter Zeichner aus Joachimsthal, Basilius Wefring, schrieb, seine Augen seien wieder besser, und seine Hilfe anbot. Agricola bezahlte ihn, wie er selbst schrieb, „nicht ohne große Unkosten“. In Basel arbeiteten Hans Rudolf Manuel Deutsch und Zacharias Specklin die Zeichnungen aus und schnitten sie in Holz. Die erste Ausgabe enthält fast dreihundert Holzschnitte, und wer genau hinsieht, findet Bergleute, die mit links schlagen, und ein Tretrad, das sich in die falsche Richtung dreht.

Ich habe alles weggelassen, was ich nicht selbst gesehen oder von Menschen, auf die ich mich verlassen kann, gelesen oder gehört habe.

nach Georgius Agricola, De re metallica, Vorrede

Bürgermeister im Krieg

Chemnitz machte den Arzt viermal zum regierenden Bürgermeister, 1546, 1547, 1551 und 1553, in den Jahren des Schmalkaldischen Krieges, als der Herzog selbst seine Ernennung anordnete. Und Agricola blieb, was er immer gewesen war: ein Katholik in einer Stadt, die lutherisch geworden war. Das sollte ihn sein Grab kosten.

Ein verweigertes Grab

Er starb am 21. November 1555 in Chemnitz, mit einundsechzig Jahren. Sein Freund Georg Fabricius schrieb an Philipp Melanchthon, ein Mann, der seit Kindertagen kerngesund gewesen sei, sei von einem viertägigen Fieber dahingerafft worden. Als einstigem Bürgermeister stand ihm ein Begräbnis in der Hauptkirche der Stadt zu, St. Jacobi. Der lutherische Superintendent gab die Sache an den Kurfürsten weiter, und der Kurfürst verbot es.

Seine Freunde schickten einen Reiter zu einem anderen alten Freund, Julius Pflug, dem katholischen Bischof von Naumburg-Zeitz. Am 25. November wurde der Leichnam aus Chemnitz gebracht, die alte Straße über Penig, Altenburg und Meuselwitz entlang, gut sechzig Kilometer weit, und am 26. November 1555 wurde Agricola im Dom zu Zeitz beigesetzt. Seine Witwe Anna ließ dort eine Messingplatte anbringen; im 17. Jahrhundert war sie verschwunden. 1934 trat eine Bronzetafel an ihre Stelle, die ihn den „Vater der Mineralogie“ nennt.

Sein Buch gedruckt hat er nicht mehr gesehen. De re metallica erschien 1556 in Basel, Monate nach seinem Tod.

Das Buch überlebt seinen Verfasser

Es kam weit herum. 1557 folgte eine deutsche Ausgabe, Vom Bergkwerck, die sich so schlecht verkaufte, dass ein Frankfurter Verleger später die Restauflage aufkaufte; eine italienische Übersetzung von 1563 war Königin Elisabeth I. von England gewidmet, und eine spanische von 1569 war in den Silbergruben von Potosí in den Anden gefragt. Acht Ausgaben zwischen 1556 und 1657 wurden von den ursprünglichen Holzstöcken gedruckt. Weit über anderthalb Jahrhunderte lang hatten Bergleute und Hüttenleute keinen besseren Führer.

Nachtstunden in London

1905 suchte eine junge Amerikanerin, Lou Henry Hoover, nach einer guten englischen Übersetzung des Agricola und fand keine. Sie und ihr Mann Herbert, beide Geologen aus Stanford, beschlossen, selbst eine zu machen. Sie brachte das Latein und die Geologie mit, er seine Erfahrung als Bergbauingenieur, und er prüfte Agricolas Beschreibungen mit eigenen Versuchen. Es sei, schrieben sie in ihrem Vorwort vom 1. Juli 1912, eine Arbeit aus Liebe gewesen, entstanden in „night hours, weekends, and holidays“, in Nachtstunden, an Wochenenden und Feiertagen, über rund fünf Jahre. Sie widmeten sie ihrem alten Lehrer in Stanford, John Caspar Branner, und veröffentlichten sie in London über The Mining Magazine.

1914 verlieh die Mining and Metallurgical Society of America Herbert Hoover für diese Arbeit ihre erste Goldmedaille. Fünfzehn Jahre später wurde er der 31. Präsident der Vereinigten Staaten. Die Übersetzung wurde 1950 nachgedruckt, und heute kann sie jeder kostenlos im Netz lesen.

Agricola, der Arzt aus Glauchau, hatte im ersten seiner zwölf Bücher für den Bergbau gestritten: So wie der Bauer, der seine Saat aufs Feld streut, niemandem schadet, so verletze auch der Bergmann, der nach Metallen gräbt, keinen Sterblichen, mag er noch so viel Gold und Silber zutage fördern. Viereinhalb Jahrhunderte später steht sein Buch noch immer am Anfang der Geschichte der Berge, deren Name Erz bedeutet.

Holzschnitt aus Agricolas De re metallica: ein großes Wasserrad treibt eine Trommel, die Wasser und Erz aus der Grube hebt.
Ein großes Wasserrad treibt die Pumpen der Wasserhaltung, aus De re metallica, Buch VI.Georgius Agricola, De re metallica (Basel, 1556), public domain; scan: National Library of Poland, via Wikimedia Commons

Agricolas Worte sind hier sinngemäß wiedergegeben; die Zitate aus deutschen Quellen folgen den Originalen.

Quellen

  1. Georgius Agricola, De re metallica (1556), engl. Übersetzung H. C. und L. H. Hoover (1912), Project Gutenberg
  2. Neue Deutsche Biographie, Georgius Agricola
  3. Friedrich Naumann, „450 Jahre ‚De re metallica libri XII‘“ (2006)
  4. Gisela-Ruth Engewald, „Zum 450. Todestag von Georgius Agricola“
  5. Herbert Hoover Presidential Library and Museum, „De Re Metallica translated“ (2016)
  6. Herbert Hoover Presidential Library and Museum, „The discovery of a professional tradition“ (2016)
  7. Schweizerisches Nationalmuseum, Blog zu Agricolas Bestseller (2022)
  8. Stadt Glauchau, Agricola-Denkmal