Von Rauch und Räucherkerzen
Weihrauch gegen die Geister der zwölf Nächte, ein Teig aus Holzkohle und Buchenmehl, eine Küche in Crottendorf und die Idee eines Drechslers mit der Pfeife. Die Geschichte des Räuchermanns und der kleinen Kerze, die ihn rauchen lässt.

Hebt man einem Räuchermann das Oberteil ab, findet man ein kleines Blech auf einer Holzscheibe. Man setzt eine dunkle Räucherkerze darauf, zündet die Spitze an, pustet die Flamme aus, bis die Spitze orange glimmt, und setzt das Oberteil wieder auf. Nach einem Augenblick kräuselt sich ein Rauchfaden aus dem Mund des kleinen Mannes, und das Zimmer beginnt nach Weihrauch, Tanne oder Honig zu duften. „Zur Erzgebirgsweihnacht gehört seit Jahrhunderten der Weihrauchduft“, schreibt das Spielzeugmuseum in Seiffen.
Die Figur ist jünger als die Kerze, und der Duft ist älter als beide. Dies ist die Geschichte aller drei.
Der ältere Rauch
Weihrauch verbrannte man mitten im Winter schon lange, bevor jemand einen Räuchermann drechselte. In den Kirchen brannte er seit Jahrhunderten, und auch in den Häusern. 1534 schrieb der Humanist Sebastian Franck, in den zwölf Nächten zwischen Weihnachten und Dreikönig gebe es kein Haus, in dem nicht jeden Tag mit Weihrauch geräuchert werde, gegen Teufel, Gespenster und Zauberei. Er beschrieb die deutschen Lande im Allgemeinen, und schon 1520 hatte Johannes Boemus dasselbe berichtet.
Die zwolff naecht zwischen Weihenacht und Heyligen drey Künig tag ist kein hauß das nit all tag weiroch rauch in yr herberg mache / für alle teüfel gespenst vnd zauberey.
Sebastian Franck, Weltbuech, 1534
Selbst über den Namen dieser Nächte wird gestritten. Die einen leiten Rauhnacht vom mittelhochdeutschen rûch ab, „haarig“, vielleicht nach pelzbehangenen Geistern; die anderen vom Brauch, die Ställe mit Weihrauch auszuräuchern, was sie zu Rauchnächten machen würde. Jede Seite hält die Erklärung der anderen für Volksetymologie.
Holzkohle, Buche und Harz
Die Räucherkerze selbst ist ein Kind des Gebirges. Das Seiffener Museum schreibt, im westlichen Erzgebirge habe man schon vor 1800 Räucherkerzen von Hand geformt, und Crottendorf, hoch am Nordhang des Fichtelbergs gelegen, führt seine eigene Überlieferung auf etwa 1750 zurück. Anfangs, so die Ortsgeschichte, stellte man die Kerzen einfach auf einen Teller und ließ sie abbrennen.
Das Rezept ist kurz. Gemahlene Holzkohle lässt die Kerze glimmen, Rotbuchenmehl gibt ihr Körper, Kartoffelstärke bindet sie, und der Duft kommt von Weihrauchharz, Sandelholz oder anderen Duftstoffen. Die Zutaten werden zu einem feuchten Teig vermengt, zu Kegeln geformt oder gepresst, getrocknet und verpackt. Die überlieferten Weihnachtsdüfte sind Weihrauch, Tanne, Honig und Zimt.

Eine Küche in Crottendorf
Wie Räucherkerzen die längste Zeit gemacht wurden, zeigt das Leben einer Frau aus Crottendorf. Freya Graupner, 1888 geboren, trug als Gorlnäherin, in der Heimarbeit des Ortes, zum Unterhalt ihrer Familie bei. 1918, schreibt ihre Biografin, begann sie in ihrer zehn Quadratmeter großen Küche, Räucherkerzen in Handarbeit herzustellen. Ihre handgeschriebenen Rezepte sind erhalten, mit den Mengen an Holzkohle, Kartoffelstärke, Sandelholz und Weihrauch. Die Kerzen wurden „mittels Bauchladen oder Tragkorb von Haus zu Haus verkauft“ und auf den Märkten der umliegenden Städte.
1936 beantragte sie einen Gewerbeschein für die Herstellung, wofür sie nach damaligem Recht die Zustimmung ihres Mannes brauchte. 1955 wurde ein Schuppen neben dem Haus zur Werkstatt. Das Trocknen der Kerzen war der langsamste Teil der Arbeit und gab allem anderen den Takt vor. In der DDR kam ihr Betrieb 1959 unter staatliche Beteiligung, und 1972 verlor sie ihn ganz, als er in einen volkseigenen Betrieb für Räucherartikel umgewandelt wurde. Sie starb 1974 in Crottendorf. Seit 2021 erinnert eine Tafel im Ort an sie; Crottendorf gehört damit zu den sächsischen Frauenorten.
Eine Pfeife für die Kerze
Erst kam die Kerze, dann die Figur. Rauchende Figuren aus Pappmaché wurden um 1820 bis 1830 im thüringischen Sonneberg hergestellt. Im Erzgebirge, so vermutet das Seiffener Museum, brachte die Mode der Zeit einen Spielzeugmacher auf den Gedanken: „Die aufkommende Volks(un)sitte des Pfeiferauchens dürfte dem Spielzeugmacher Anlass gewesen sein, die duftverströmende Räucherkerze in eine hohlgedrehte Figur zu stellen.“ Die Überlieferung nennt Drechsler in Heidelberg, einem Nachbarort von Seiffen, um 1850, unter ihnen Ferdinand Frohs und neben ihm seinen Neffen Gotthelf Friedrich Haustein. Ihre ersten Räuchermänner hatten Arme, Füße und Gesichter aus Teig.
Wie ein Räuchermann funktioniert, hat sich kaum verändert. Die Figur lässt sich in zwei Teile zerlegen. Das Unterteil mit Sockel und Beinen trägt eine dünne Holzscheibe mit einem kleinen Blech für die Kerze; der hohle Oberkörper wird darübergesetzt. Frische Luft strömt durch ein Loch oder eine Kerbe am Rücken herein, hält die Kerze am Glimmen und drückt den Rauch nach oben und durch den Mund hinaus.

Die frühen Figuren waren ein gemütlicher Dorfbewohner mit Pfeife, ein Türke und ein Rastelbinder, ein wandernder Drahtbinder, der Töpfe mit Draht flickte. Später kamen die Menschen des Gebirges und ihre Gewerbe: Bergleute, Spielzeugmacher, Jäger, Waldarbeiter, Händler und Besenbinder. Die Frauen kamen spät. Die erste weibliche Figur, die Kloßfrau, eine Frau, die Klöße verkaufte, erschien erst um 1930 oder 1940. In der Mundart des Gebirges heißt die Figur Raachermannel, und 1937 schrieb Erich Lang ihr mit „’s Raachermannel“ ein eigenes Lied.

Gut lüften
Eine Räucherkerze ist ein kleines Feuer, und ihr Rauch ist echter Rauch. Das Umweltbundesamt sagt es in seinen Weihnachtstipps deutlich: „Duft- und Lampenöle sowie Räucherkerzen können beim Verbrennen Schadstoffe entwickeln. Daher gilt hier: ausreichend lüften.“ Eine Bremer Umweltberatung ergänzt, wer nur gelegentlich räuchere, etwa mit einem Räuchermann zu Weihnachten, müsse sich keine Sorgen machen; ihre Warnungen betreffen den langen, regelmäßigen Umgang mit Räucherstäbchen.
So hat das Ritual einen letzten Schritt: die Kerze auf ihrem Blech herunterbrennen lassen, den Räuchermann stehen lassen, bis die Asche kalt ist, und ein Fenster öffnen. Der Duft bleibt noch eine Weile im Zimmer. Wie man einen Räuchermann anzündet und welche Kerze er braucht
Quellen
- Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Seiffen, „Weihnacht im Museum“
- Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Seiffen, Chronik
- Gemeinde Crottendorf, „Die Entwicklung des Handwerkes seit Bestehen von Crottendorf“ (2001)
- Landesfrauenrat Sachsen, Frauenorte Sachsen: Freya Graupner
- Wikipedia, Rauhnacht, mit dem Zitat aus Sebastian Francks Weltbuech (1534)
- Wikipedia, Räuchermann
- Umweltbundesamt, Grüne Weihnachten: Tipps für nachhaltige Feiertage
- Bremer Umwelt Beratung, Räucherstäbchen (2020)


