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Eine Chronik der Holzkunst aus dem Erzgebirge

Die Stücke · 8 Min. Lesezeit

Wie der Nussknacker nach Amerika kam

Ein geschnitzter Nussbeißer aus den deutschen Bergen, ein König aus Seiffen, ein Ballett, das sein erstes Publikum langweilte, und ein Heiliger Abend in San Francisco. Wie der Nussknacker zur amerikanischen Weihnacht wurde.

Ein Soldaten-Nussknacker steht auf einem alten Lederkoffer neben einem gefalteten olivgrünen Militärmantel und Lederhandschuhen.
Ein Soldaten-Nussknacker neben einem alten Überseekoffer.

An der Front Street in Leavenworth, einem Dorf im bayerischen Stil in den Kaskaden des Bundesstaats Washington, bewahrt ein Museum mehr als neuntausend Nussknacker. 2021 hat das Guinness-Buch der Rekorde sie gezählt: 9103. Darunter sind ein römischer Nussknacker aus Bronze, rund zweitausend Jahre alt, und ein französischer aus Buchsbaum, als Männerkopf mit Lorbeerkranz geschnitzt und 1554 datiert, nach Ansicht des Museums der älteste datierte Nussknacker, den man kennt. Die Sammlung begann, so erzählte ihre Gründerin dem Sender NPR, beinahe zufällig im Jahr 1976, als sie mit einer Ballettkompanie in Renton bei Seattle den Nussknacker einstudierte und einen Nussknacker suchte, den Clara im Arm halten konnte.

So kommt man in Amerika zu dieser Geschichte: über das Ballett. Doch die Figur war zuerst da, und sie kam aus den Bergen.

Die Nussbeißer

Geschnitzte Nussknacker in Figurengestalt wurden um 1650 in den bayerischen Alpen um Berchtesgaden verkauft und seit 1735 aus dem thüringischen Sonneberg. Man nannte sie Nussbeißer. „Bereits im 18. Jh. wurden Nußbeißer besonders gern als Figuren mit Elementen leiser Ironie und volkstümlicher Sozialsatire gestaltet“, schreibt das Seiffener Spielzeugmuseum. Die Gesichter waren streng, die Mäuler riesig: Förster, Gendarmen, Husaren, Könige, die Obrigkeit der Zeit, die einem die Nüsse knacken musste. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 gab es Napoleons, später Bismarcks.

Zwei Hoffmanns

1816 veröffentlichte E. T. A. Hoffmann in Berlin sein Märchen Nussknacker und Mausekönig. Sein Nussknacker ist kein König, sondern ein kleines Männlein in einem hellvioletten Husarenjäckchen mit weißen Schnüren und Knöpfen, mit Holzhauermütze und einem steifen Mäntelchen, das aussah, als sei es aus Holz. Er könne, erklärt der Vater den Kindern, die härtesten Nüsse mit den Zähnen knacken. Schon 1853 erschien eine englische Übersetzung des Märchens in New York.

1851 zeichnete ein Frankfurter Arzt, Heinrich Hoffmann, der Verfasser des Struwwelpeter, ein Bilderbuch mit dem Titel König Nussknacker und der arme Reinhold. Sein Held ist ein stolzer hölzerner König, der im Traum eines Jungen lebendig wird. Eine Parodie auf die preußische Königshymne soll dem Buch ein vorübergehendes Verbot eingetragen haben.

Ein König aus Seiffen

Zwanzig Jahre später drehte in Seiffen ein Drechsler seinen eigenen König. Wilhelm Friedrich Füchtner, 1844 in Seiffen geboren und gelernter Tischler, begann um 1870 im Nebenerwerb, Nussknacker in Figurengestalt zu drehen. Sein Königsnussknacker soll als erster die Form und Farbgebung gehabt haben, die wir heute mit dem Nussknacker aus dem Erzgebirge verbinden, und das Seiffener Museum nennt ihn seinen bedeutendsten Schöpfer. „Einfache, spielzeughaft gestaltete Soldaten, Bergleute, Feuerwehrmänner und Polizisten gehörten zum Sortiment der ersten Jahrzehnte“, schreibt das Museum.

Die klassischen Figuren nebeneinander: König, Soldat mit hohem Tschako, Förster in Grün und Bergmann in Schwarz.
Die klassischen Figuren, König, Soldat, Förster und Bergmann.

Ein Ballett, das niemand liebte

In Paris erzählte Alexandre Dumas Mitte der 1840er-Jahre Hoffmanns Märchen für französische Kinder nach, und aus seiner leichteren Fassung wurde ein Ballett. Der Direktor der russischen Kaiserlichen Theater gab es 1890 bei Pjotr Iljitsch Tschaikowsky in Auftrag. Tschaikowsky unterbrach die Arbeit für eine Reise nach Amerika, wo er am 5. Mai 1891 das Eröffnungskonzert der neuen New Yorker Music Hall mitdirigierte, der späteren Carnegie Hall. Die Partitur vollendete er im folgenden Frühjahr.

Der Nussknacker wurde am 18. Dezember 1892 im Mariinski-Theater in Sankt Petersburg uraufgeführt, an einem Abend zusammen mit einer Oper. Ein Erfolg war er nicht. Ihm sei es vorgekommen, sagte Tschaikowsky danach, als habe dem Publikum das Stück nicht gefallen; es habe sich gelangweilt.

Amerika nimmt ihn auf

Amerika ließ sich Zeit. 1940 tanzte das Ballet Russe de Monte Carlo in New York eine gekürzte Fassung, und im November desselben Jahres machte Walt Disneys Fantasia aus der Nussknacker-Suite tanzende Feen, Fische, Blumen und Pilze. Den ersten vollständigen amerikanischen Nussknacker zeigte das San Francisco Ballet am Heiligen Abend 1944, choreografiert von Willam Christensen nach langen Gesprächen mit George Balanchine und Alexandra Danilova, die ihn beide in Russland getanzt hatten. Der Krieg hatte das Budget so knapp gemacht, dass zwei Ballerinen sich den Stoff selbst besorgten und ihre Tutus selbst nähten.

Zehn Jahre später, am 2. Februar 1954, brachte Balanchine seinen eigenen Nussknacker beim New York City Ballet heraus, das erste abendfüllende Ballett der Kompanie, mit Maria Tallchief als Zuckerfee. Als Junge an der Kaiserlichen Ballettschule hatte er selbst darin getanzt. Der Sender CBS übertrug seine Inszenierung im Dezember 1957 und wieder zu Weihnachten 1958, mit Balanchine als Drosselmeier. Ende der 1960er-Jahre, schreibt das San Francisco Ballet, war der Nussknacker eine alljährliche amerikanische Tradition geworden. Das New York City Ballet tanzt ihn heute rund 47-mal in jeder Saison, unter einem Weihnachtsbaum, der auf der Bühne von gut dreieinhalb auf zwölfeinhalb Meter wächst.

Die Figur folgt der Musik

Wohin das Ballett ging, folgte die hölzerne Figur. Sammler und Hersteller erzählen von amerikanischen Soldaten, die im Nachkriegs-Westdeutschland stationiert waren und Nussknacker als Weihnachtsgeschenk nach Hause schickten; das ist eine Familiengeschichte, die in vielen amerikanischen Häusern erzählt wird, öfter als eine belegte. Jenseits der Grenze, in der DDR, wurden die Werkstätten des Erzgebirges in ein staatliches Kombinat eingegliedert, und vieles von dem, was sie herstellten, ging ins Ausland. 2008 zeigte der amerikanische Postdienst auf seinen Weihnachtsmarken vier geschnitzte Nussknacker.

Heute sind die USA und Kanada nach den Zahlen des Herstellerverbands der wichtigste Auslandsmarkt für die Holzkunst des Erzgebirges. In Seiffen, wo Füchtner seinen ersten König drehte, stehen die Nussknacker noch immer in Reihen in den Werkstattfenstern, Könige und Soldaten und Bergleute, und ein guter Teil von ihnen ist für amerikanische Wohnzimmer bestimmt.

Und in Leavenworth füllt die Sammlung, die mit einer Requisite für Clara begann, ein ganzes Museum. Der Kreis reicht von einem geschnitzten Nussbeißer in den deutschen Bergen über ein Märchen, ein Bilderbuch, eine Seiffener Drehbank und ein russisches Ballett bis in eine Kleinstadt im Bundesstaat Washington, und jeden Dezember zurück.

Zitate aus englischsprachigen Quellen sind hier sinngemäß wiedergegeben.

Quellen

  1. Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Seiffen, „Weihnacht im Museum“
  2. Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Seiffen, Chronik
  3. E. T. A. Hoffmann, Nutcracker and Mouse-King, übers. Mrs. St. Simon (New York 1853), Wikisource
  4. Tchaikovsky Research, The Nutcracker
  5. San Francisco Ballet, Pressemitteilung zum 75. Jubiläum seines Nutcracker (2019)
  6. George Balanchine Foundation, The Nutcracker (1954)
  7. New York City Ballet, George Balanchine’s The Nutcracker
  8. NPR (über GPB), das Leavenworth Nutcracker Museum, 9. Dezember 2025
  9. Leavenworth Nutcracker Museum, Geschichte
  10. Sächsisches Staatsarchiv, VEB Kombinat Erzgebirgische Volkskunst Olbernhau (Findbuch)