Wie Seiffens Spielzeug in die Welt hinausging
Der Schiebbock eines Leinenhändlers, Kaufleute in der Mitte, Kisten auf der spanischen Silberflotte und vier Drechsler auf dem Dresdner Weihnachtsmarkt. Wie das Spielzeug eines Bergdorfs in die Welt kam und was es den Familien einbrachte, die es machten.

Am 13. Dezember 1836 druckte der Dresdner Anzeiger eine Bekanntmachung des Rates der Stadt. Auf Antrag der Dresdner Drechslerinnung regelte sie den Handel der „aus dem Gebirge zum Absatze ihrer Holzwaaren auf diesen Märkten anher kommenden sogenannten Schachtelleute aus Grünhayn“. Im Einzelverkauf durften sie von ihren Buden auf dem Neumarkt aus nur am ganzen ersten Tag des Striezelmarkts verkaufen, des Dresdner Weihnachtsmarkts; wer dagegen verstieß, dem drohten zehn Taler Strafe und der Ausschluss vom Markt. Eine Gruppe wurde eigens genannt: Den „vier Holzdrechslern aus Seyffen“ war erlaubt, ihr Spielzeug auf dem Weihnachtsmarkt zu verkaufen, allerdings nur in eigener Person.
Vier Drechsler aus einem Bergdorf, in einer städtischen Bekanntmachung eigens genannt und unter Auflagen zugelassen: Da gingen Seiffens gedrechselte Waren schon seit Generationen auf den Markt. Dies ist die Geschichte, wie sie reisten und wer sie trug.
Mit dem Schiebbock nach Leipzig
Seiffen begann als Siedlung von Zinnwäschern, und seine Bewohner griffen nicht zum Vergnügen zum Holz. „Den Seiffener Zinn-Bergmann führten jedoch nicht Zeiten der Muße zu einem Berufswechsel“, schreibt das Spielzeugmuseum des Ortes. „Ihn zwang wirtschaftliche Not, den heimischen Werkstoff Holz gewerblich zu nutzen.“ Drechsler sind in Seiffen seit 1650 belegt, zwanzig Jahre später waren es 23. Die Zinnförderung erreichte um 1730 ihren Höhepunkt und ging nach 1750 steil zurück; da brachte das Drechseln längst mehr ein als der versiegende Bergbau, und um 1750 begann man, Spielzeug herzustellen.
Die erste Fahrt zum Markt, so erzählt man es im Ort, lag noch früher. 1699 soll der Leinenhändler Johann Friedrich Hiemann Seiffener Drechselware neben seinem Leinen auf seinen Schiebbock geladen und zur Leipziger Messe gefahren haben. Er kam mit Aufträgen für Nadelbüchsen und Holzschachteln zurück. Eine 1911 erschienene Untersuchung des Gewerbes beschreibt den Aufstieg der Familie an ihren Fahrzeugen: erst der Tragkorb, dann der Hundewagen, schließlich der Pferdewagen. Mit der Zeit schickten die Seiffener Handelshäuser ihre Waren alle vierzehn Tage auf zwei großen vierspännigen Frachtwagen nach Leipzig und Nürnberg.
Die Verleger
Wer aus den Fahrten mit dem Schiebbock ein Geschäft machte, war der Verleger, der Kaufmann, der die Arbeit an die Haushalte vergab. Er war der Einzige im Dorf, der auf Reisen Aufträge holte. Er brachte die Bestellungen mit, oft auch das Holz, die Farben und die Muster, und bezahlte die Drechsler jede Woche bei der Ablieferung, manchmal mit Waren aus seinem eigenen Laden statt mit Geld. Nach einem Bericht von 1804 zahlte das Haus Hiemann wöchentlich rund tausend Taler aus. Um 1764 entstanden Verlagshäuser in Waldkirchen und Grünhainichen, und Anfang des 19. Jahrhunderts gruppierten sich mehr als zwanzig Spielzeugdörfer um die Verlegerorte, auf der böhmischen Seite des Gebirges ebenso wie auf der sächsischen.
Lange reiste das Spielzeug ohne seinen Namen. Nürnberger Firmen schickten Musterstücke, die in Seiffen genau nachgearbeitet wurden; Nürnberger Kaufleute verkauften die Ware weiter, und so taucht Seiffen als Herkunftsort in den Akten kaum auf. „Viele Seiffener Produkte gingen noch lange unter dem Begriff ‚Nürnberger Tand‘ in alle Welt hinaus“, schreibt das Museum. In Nürnberg erhaltene Briefe, die seit 1788 zwischen Hiemann & Sohn und der Firma Förster & Günther hin- und hergingen, zählen auf, womit gehandelt wurde: Pfeifenetuis und Nadelbüchsen, „fressende Gänse im Stall“, „gutgemachte Pochwerke“, „Reiter & Soldaten in Scherren“ und „gelbe und rote Äpfel und Birnen von Holz mit schönem Hausrat“, hohl gedrechseltes Obst, in dem sich winziger Hausrat verbarg. Das Museum fasst den Wandel in zwei Jahreszahlen: 1760 ein namenloser Lieferant von Nürnberger Tand, 1820 ein Hersteller „Seifener Waare“, die als Qualitätsartikel in aller Welt gehandelt wurde.
Kisten auf der Silberflotte
Der Überseehandel begann 1784. Drei Jahre später zählte ein Olbernhauer Kaufmann namens Semler, der sich gegen das Gesuch eines Konkurrenten um eine Drehmühle wehrte, auf, was er verschickt hatte: im Januar 1784 fünfundzwanzig Kisten im Wert von 2500 Talern „mit der Spanischen Silberflotte“, im Juni 1785 zweihundert Kisten für 10.000 Taler, im Dezember 1786 dreihundert Kisten für mehr als 12.600 Taler, in verschiedene, meist außereuropäische Gegenden. Ein Hamburger Kaufmann bestellte mehrmals hintereinander 12.000 Nadelbüchsen für den Versand nach Amerika, und ein Bericht von 1804 nennt Russland, Preußen, Frankreich, Spanien, Portugal, Amerika und Ostindien als die wichtigsten Märkte.

Vieles reiste in Schachteln. Schachtelware waren ganze Sortimente, verpackt in Spanschachteln oder kleine Kisten, darunter die Arche Noah, die das Museum einen Exportschlager nach Übersee nennt. 1907 waren die Vereinigten Staaten der größte Abnehmer deutschen Spielzeugs, mit rund 15.000 Tonnen im Jahr. Wie viel davon aus dem Erzgebirge kam, ließ sich, wie der Verfasser der Studie von 1911 einräumte, nicht genauer schätzen. Aber er wusste, wessen Aufträge zuerst kamen.
Im März kommen die ersten Aufträge der amerikanischen Staaten, dann nach der Ostermesse die Englands.
Bernhard Westenberger, Die Holzspielwarenindustrie im sächsischen Erzgebirge, 1911
Die Schachtelleute
Nicht jedes Spielzeug reiste mit Frachtwagen und Schiff. Vieles kauften, so das Museum, zunächst wandernde Händler auf, die die Ware selbst trugen, im Tragkorb, im Schultersack oder im Bauchladen, oder sie auf dem Handwagen schoben. Familien aus dem Gebirge kamen hinunter auf die Märkte und Messen der Städte. In Dresden beherrschten die Schachtelleute aus dem Erzgebirge nach dem Bericht der Marktgeschichte den Spielzeughandel auf dem Striezelmarkt, zum Ärger der städtischen Drechslerinnung, und schon 1728 prüfte ein Marktmeister die Größe der Körbe. Seiffener Spielzeugmacher sind auf dem Markt seit 1809 belegt. Diesen Streit sollte die Bekanntmachung des Rates von 1836 schlichten.

Der Hausierhandel war im Gebirge ein eigener Broterwerb. Ende des 19. Jahrhunderts lebten in Satzung, einem Dorf bei Marienberg, so viele Menschen davon, dass ein Volkswirt ihnen 1898 eine eigene Untersuchung widmete.
Sonnabend wird abgeliefert
Die Studie von 1911, eine Dissertation von Bernhard Westenberger, der selbst in die Dörfer ging, zeigt, was der Handel die Menschen an seinem Anfang kostete. Der Verleger bestellte zu einem vorher vereinbarten Preis, oft so und so viel für das Dutzend. Die Familie arbeitete von Dienstag bis Freitag, im Sommer ab etwa halb sechs, im Winter ab sieben, bis acht oder neun Uhr abends; der Montag gehörte dem Zurichten des Holzes und dem Einkauf der Farben. „Am Sonnabend wird wieder nicht gearbeitet, sondern ‚abgeliefert‘“: Die Ware der Woche wurde „in großen Tragkörben zu den Verlegern geschafft“, und es gab Geld.
Viel war es nicht. Ein Haushalt verdiente 15 bis 30 Mark in der Woche. Ein Pferdeschnitzer, der mit Sohn, Frau und Tochter arbeitete, kam auf 10 bis 12 Mark, von denen etwa 6 für das Essen draufgingen; gegessen wurden vor allem Kartoffeln, Brot, Kaffee und Öl. In einem Dorf fand Westenberger acht Kinder, die in einer Stube mit fünf Betten schliefen. Bis zum Kinderschutzgesetz von 1903 standen zehn- bis zwölfjährige Jungen an der Drehbank. Ein geübter Reifendreher schaffte 35 bis 75 Reifen am Tag, genug, um acht bis zehn Schnitzerfamilien mit den kleinen Reifentieren zu beschäftigen, die die Schachteln füllten. Westenbergers Urteil über die Einkommen: „keineswegs erfreulich“.
Die Hersteller hatten es längst selbst gesagt. 1843 wandten sich 158 Drechsler und Spielzeugmacher mit einer Bittschrift an die Gerichtsherrschaft der Familie von Schönberg auf Purschenstein. Gute, feine Arbeit, schrieben sie, verlange Zeit und Mühe, die nur aufwenden könne, wem die Ware eigens bestellt und angemessen bezahlt werde, nicht aber der gewöhnliche Arbeiter, der „mit den Schleuderwaaren der halbausgebildeten Pfuscher … Concurrenz und gleiche Preiße halten muß, will er nicht mit seiner Familie verhungern“.
Mit Können gegen die Not
Die Antwort, als sie kam, hieß Ausbildung. Am 17. Mai 1852 eröffnete Sachsen in Seiffen eine staatliche Spielwarenschule mit elf Schülern. Sie wäre beinahe gescheitert: Manche Spielzeugmacher hielten sie für überflüssig, die Verleger waren, wie es in den Akten heißt, „der Anstalt nicht günstig gesinnt“, und der Pfarrer machte die „Armuth der hiesigen Gewerbetreibenden“ verantwortlich. Nach fünf Jahren hatte sie kaum noch Schüler. Nach 1870 neu aufgebaut, hatte sie bis 1904 967 Schüler unterrichtet.
Zölle erzwangen den nächsten Wandel. 1881 ersetzte Frankreich seinen Wertzoll durch einen Gewichtszoll von 60 Franc je 100 Kilogramm, und sperriges Holzspielzeug wurde zu teuer; bis 1884 hatte sich die Ausfuhr nach Frankreich etwa halbiert. Nach 1905 antwortete ein Seiffener Verleger mit Miniaturen im Nürnberger Maßstab: winzigen Figuren, Häusern und Fahrzeugen, ganzen Spielzeugsätzen in einer Streichholzschachtel. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs gehörten rund fünfzig Städte und Dörfer zum Spielzeugland des Erzgebirges, mit mehr als 1100 Betrieben. 1937 gewannen die Figuren der Kurrende und der Striezelkinder, von Max Schanz an der Seiffener Schule entworfen, auf der Weltausstellung in Paris eine Goldmedaille.
Seiffens Arbeit reist längst nicht mehr unter dem Namen einer anderen Stadt. Rund ein Fünftel dessen, was die Holzkunstbetriebe der Region herstellen, geht heute ins Ausland, und der wichtigste Auslandsmarkt sind die USA und Kanada, von wo vor einem Jahrhundert die ersten Aufträge jeder Saison kamen.
Quellen
- Dresdner Anzeiger, 13. Dezember 1836, Bekanntmachung des Rates zu Dresden (Wikisource)
- Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Seiffen, Konrad Auerbach, „Entstehung der erzgebirgischen Spielzeugherstellung“ (2018)
- Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Seiffen, Chronik
- Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Seiffen, Konrad Auerbach, „Zur Entwicklung der Spielwarenschule Seiffen“ (1995, überarb. 2018)
- Bernhard Westenberger, Die Holzspielwarenindustrie im sächsischen Erzgebirge (Leipzig 1911), Internet Archive
- Kurort Seiffen, Ortsgeschichte: Seiffener Verleger
- Helmut Schwarz, „Spielzeug aus dem sächsischen Erzgebirge“, Spirit of Play (2017)
- Sächsisches Staatsministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, Pressemitteilung (17. August 2022)


