Anno MMXXVI · Glück auf!Über die GildeWörterbuchEnglishDeutsch

Eine Chronik der Holzkunst aus dem Erzgebirge

Überlieferung · 7 Min. Lesezeit

Warum sich die Bergleute nach Licht sehnten

Im Hochwinter fuhren viele Bergleute im Erzgebirge vor dem Morgengrauen ein und nach Einbruch der Dunkelheit aus. Was die Quellen über ihr Licht sagen und welche Geschichte das Gebirge darüber erzählt.

Kolorierter Holzschnitt: Bergleute mit Lampen steigen in der Dämmerung aus dem Huthaus, unter ihnen ein verschneites Dorf mit erleuchteten Fenstern, darüber Sterne.
Bergleute steigen in der Dämmerung aus dem Schacht, unten ein Dorf mit erleuchteten Fenstern.

Am kürzesten Tag des Jahres geht die Sonne über Annaberg gegen vier Minuten nach acht auf und gegen acht Minuten nach vier unter. Mehr Tageslicht hat das Erzgebirge Ende Dezember nicht: acht Stunden, halb so viel wie im Juni.

Daneben steht der Tag des Bergmanns, wie ihn Georgius Agricola 1556 beschrieb. Tag und Nacht, schreibt er, teilen sich in drei Schichten zu je sieben Stunden. Die erste lief von vier Uhr morgens bis elf, die zweite von zwölf bis sieben Uhr abends. Im Hochwinter fuhr also der Mann der Frühschicht etwa vier Stunden vor Sonnenaufgang ein, und der Mann der zweiten Schicht kam drei Stunden nach Einbruch der Dunkelheit wieder herauf. Manche Reviere erlaubten zwei Schichten hintereinander, merkt Agricola an, weil der Lohn einer Schicht nicht zum Leben reichte, zumal wenn die Lebensmittel teurer wurden. Diese Männer fuhren im Dunkeln ein und im Dunkeln aus.

Die Lampe als Uhr

Unter Tage gab es nur das Licht, das einer bei sich trug. Zu Agricolas Zeit wurde es zugeteilt: Der Steiger wog jedem sein Lampenöl ab und nahm nach der Schicht zurück, was übrig war. Die Lampe gab nicht nur Licht, sie maß auch die Zeit: Das Ende der Schicht zeigte sich, wenn das Öl fast aufgebraucht war und die Flamme verlosch.

In der Nachtschicht, schreibt Agricola, wachten die Männer beim Schein der Lampen und sangen, um nicht einzuschlafen. In schlechten Wettern gaben die Lampen nur ein schwaches Licht, und in manchen Höhlen löschten die Dünste sie ganz. Eine Lampe, in einen Schacht hinabgelassen, war eine Probe: Erlosch die Flamme, konnte es auch ein Mensch.

Über drei Jahrhunderte und länger war das Licht des Bergmanns im Erzgebirge eine offene Lampe mit Talg oder Rüböl, die Froschlampe, in Gebrauch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Holzschnitt: zwei Bergleute in einer dunklen Strecke, der eine treibt mit Schlägel und Eisen ins Gestein, der andere lädt Erz im Schein einer Grubenlampe.
Arbeit in einem engen Stollen beim Schein kleiner Öllampen.

Licht vom eigenen Lohn

Um 1700 war das Licht zur Sache des Bergmanns geworden. Das Deutsche Bergbau-Museum in Bochum bewahrt eine kleine eiserne Talglampe aus Sachsen mit der Jahreszahl 1700 im Schild – die Lampe, so der Museumseintrag, eines einfachen sächsischen Bergmanns, „der sein Unschlitt selber kaufen musste“. Ein Jahrzehnt später weigerten sich Bergleute, ihr Geleucht überhaupt von der Grube stellen zu lassen: Die Schichtmeister, klagten sie, „kaufen alt und stinkend Unschlitt ein und ziehen am Gewicht ab“.

Zu Hause war das Licht dürftig und teuer. In einem Bergmannshäuschen, erklärt das Spielzeugmuseum in Seiffen, gaben ein brennender Kienspan oder eine kleine Rüböllampe abends so wenig Licht, dass selbst das Spinnen, mit dem die Frauen etwas dazuverdienten, nur bei Tag ging. An Winterabenden kamen die Nachbarn in einer warmen Stube zusammen, um zu arbeiten, zu erzählen und zu singen und um Brennholz zu sparen. Sie nannten es hutzen.

Kerzen in der Kirche

Licht bedeutete auch mehr. Schon im 15. Jahrhundert trugen Bergleute bei Freiberger Prozessionen Kerzen. Seit den 1670er-Jahren standen geschnitzte und zinnerne Bergleute auf den Altären der Bergstädte, in Schneeberg, in Geising, in Annaberg, und hielten die beiden Altarkerzen. „Der Bergmann hat zum Licht ein besonderes Verhältnis“, schrieb der Volkskundler Karl Ewald Fritzsch 1959. „Bei seiner Arbeit unter Tage ist es ihm ebenso wichtig wie das Werkzeug.“

Zu Weihnachten leuchteten die Gruben selbst. Auf der Himmelsfürst Fundgrube bei Freiberg begann die letzte Schicht vor dem Fest am 24. Dezember um vier Uhr früh. In jedem Fenster der Grubengebäude standen zwölf Kerzen in drei Reihen, von den Bergleuten bezahlt, sodass die Häuser auf der Höhe weit über das Land schienen, und unter Tage stellten die Männer auf jeden Felsvorsprung Kerzen. In Schneeberg erstritten sich die Bergleute 1880 wieder das Recht, mit brennenden Lampen zur Christmette zu ziehen und sie in die Leuchtersteine der Emporenbrüstung zu stellen.

Und im frühen 19. Jahrhundert notierte ein Pfarrer: „Während der ganzen Adventszeit arbeitet und schnitzt der fleißige und speculative Bergmann an allerlei mechanischen Spielereien, welche meistenteils allerlei Modelle des Bergbaues sind“ – er verkaufe sie für das Festgeld, „oder er illuminiert sie zur Freude seiner Familie am Heiligen Abend“.

Das Ende der Schicht zeigen die Lampen an, wenn das Öl fast verbraucht ist und ausgeht.

nach Georgius Agricola, De re metallica, 1556

Die Geschichte, die man erzählt

Im Erzgebirge erzählt man es so: Ein Bergschmied namens Teller, zur Mettenschicht eingeladen, sah die Grubenlampen der Bergleute im Halbkreis an der Wand des Huthauses hängen und schmiedete zum Dank den ersten Schwibbogen. Sein Bogen ist das Mundloch der Grube, seine Lichter sind die Lampen der Bergleute, und das Ganze ist ihre Sehnsucht nach dem Licht, das ihnen unter Tage fehlte.

Eine schöne Geschichte, und die Forschung geht vorsichtig mit ihr um. Der älteste bekannte Schwibbogen wurde tatsächlich in Johanngeorgenstadt geschmiedet und trägt die Jahreszahl 1740. Aber er zeigt Adam und Eva im Paradies, keine Bergleute. Die beiden Bergleute auf dem heute beliebtesten Bogen zeichnete 1937 eine Leipziger Künstlerin, Paula Jordan, für eine Weihnachtsschau, die ein Regime förderte, das das Erzgebirge gern als sächsisches Muster-„Weihnachtsland“ herausstellte. „Gern wird eine jahrhundertelange Traditionslinie behauptet“, schreibt das Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde; die Forschung legt nahe, dass die Geschichte jünger ist. Igor Jenzen, lange Direktor des Dresdner Museums für Sächsische Volkskunst, geht weiter. Die Sehnsucht nach Licht, sagt er, sei „eine fromme Legende, die etwa Ende des 18. Jahrhunderts verbreitet wurde“; die Lichterfreude der Region komme von den festlichen Illuminationen ihrer Feiertage, die die Bergleute nachahmten, mehr als von einer Sehnsucht nach der Sonne.

Was die Quellen bewahren

Was stimmt nun? Vielleicht beides. Die Forschung hat recht: Das meiste, was wir in unsere Fenster stellen, ist jünger, als die Legende sagt. Doch das Dunkel steht in den Quellen, und das Licht auch: die Glocke um vier Uhr früh, das am Schacht abgewogene Öl, der Talg vom eigenen Lohn, das Singen in der Nachtschicht, die Kerzen auf den Felsvorsprüngen am Heiligen Abend, die brennenden Lampen auf dem Weg zur Kirche.

Wenn die Menschen im Erzgebirge sagen, ihre Schwibbögen trügen die Sehnsucht der Bergleute nach Licht, erzählen sie die Geschichte ihrer eigenen Vergangenheit so, wie sie sie verstehen gelernt haben. Volkskunst, so das sächsische Institut, ist „nicht nur traditionell, sondern immer veränderlich“. Die Geschichte gehört inzwischen selbst zum Handwerk. Und an einem Dezemberabend, wenn um vier die Bögen in den Fenstern angehen, versteht man leicht, warum sie sich gehalten hat.

Agricolas Worte sind hier sinngemäß wiedergegeben.

Quellen

  1. Georgius Agricola, De re metallica (1556), Buch IV
  2. Deutsches Bergbau-Museum Bochum, sächsische Talglampe von 1700 (Objektdatensatz)
  3. Karl Ewald Fritzsch, „Bergmann und Engel als weihnachtliche Lichterträger“, Der Anschnitt (1959)
  4. Siegfried Sieber, „Bergmännische Weihnachtsbräuche im Erzgebirge“, Der Anschnitt (1959)
  5. Nadine Kulbe, Fundstück aus dem ISGV, Dezember 2020
  6. epd-Gespräch mit Igor Jenzen, 11. Dezember 2025
  7. Erzgebirgisches Spielzeugmuseum Seiffen, Pressemappe Freilichtmuseum
  8. Sunrise-Sunset.org, Sonnendaten für Annaberg-Buchholz, 21. Dezember